Babyratgeber

Selbstwahrnehmung: Wenn das Kind merkt «Das bin ich!»

Ich! meins! Selber! Was sind denn das für neue Worte? Sie weisen auf eine ganz besondere Erkenntnis hin, die Kinder im Alter zwischen 18 und 24 Monaten staunen lassen. Das Kind beginnt sich als eigenständiges Wesen wahrzunehmen.

Nützliche Informationen

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Das Wichtigste in Kürze

  • Zwischen 18 und 24 Monaten reift die Selbstwahrnehmung des Kindes aus. Es weiss jetzt, dass es ein eigenständiges Wesen ist.
  • Das Kind entwickelt Gefühle wie Stolz, Scham, Neid und Verlegenheit. Der eigene Wille prägt sich aus.
  • Ein Kind, das sich selbst gut wahrnimmt, entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl.
  • Eltern können mit verschiedenen Spielen die Selbstwahrnehmung ihres Kindes fördern.

Was denke, fühle, wünsche ich? Für Erwachsene ist es leicht, auf solche Fragen Antworten zu finden. Einem Baby aber ist zunächst wahrscheinlich sein Selbst noch nicht bewusst. «Babys empfinden sich und andere noch als eine grosse Masse», sagt Dr. Stephanie Wermelinger, Post-Doktorandin am Psychologischen Institut, Universität Zürich. «Sie können noch nicht differenziert zwischen sich und anderen unterscheiden.»

Erste Ahnung von sich selbst

Eine erste Ahnung von sich selbst bekommen Kinder gegen Ende des ersten halben Lebensjahres. Dr. Stephanie Wermelinger: «Jetzt entwickeln sie allmählich ein Gefühl für sich als Individuum.» Nach und nach entdeckt das Baby eigene Handlungsmöglichkeiten und Gefühle.

Im Alter zwischen 18 und 24 Monaten machen Kinder einen weiteren Entwicklungsschub in Richtung Selbstwahrnehmung. Das Kleinkind weiss jetzt, was es zuvor nur geahnt hat: Es ist ein eigenständiges Wesen! Die Selbstwahrnehmung des Kindes reift also aus.

Der Rouge-Test

Beim Rouge-Test wird dem Kleinkind unbemerkt ein roter Fleck auf die Stirn oder die Nase gemalt. Versucht es, den Fleck bei einem Blick in den Spiegel wegzuwischen, hat es sich im Spiegel erkannt. Es sieht sich dann also bereits als eigenständiges Individuum.

Das bin ich! Selbstwahrnehmung führt zu Selbstwertgefühl

«Das bin ich!» Das ist eine grosse Erkenntnis, die sich nicht nur auf das äussere Erscheinungsbild bezieht. Das Kind entwickelt auch selbstbezogene Emotionen wie Stolz, Scham, Neid und Verlegenheit. Darüber hinaus werden ihm eigene Bedürfnisse immer deutlicher. Der eigene Wille wird also stärker.

Es ist schön, wenn Kinder erleben: «Ich kann etwas selber machen.» – «Ich kann etwas bewirken!» Wenn das Kind ein Buch bringt, wird es vielleicht gelesen. Wenn es lacht, lacht Papa zurück. Wenn es auf den Teddy drückt, brummt er. Sozialpädagogin und Erziehungsberaterin Susanna Fischer von der Familienpraxis Stadelhofen in Zürich: «Dabei lernt das Kind vor allem, dass es selbstwirksam ist. Dies fördert ungemein sein Selbstwertgefühl.»

Vier Tipps für Eltern, um die Selbstwahrnehmung des Kindes zu fördern

1. ‚Aha‘-Erlebnisse gemeinsam geniessen
Eltern, die sich mit ihrem Kind über ‚Aha-Erlebnisse’ freuen, zeigen ihm, dass sein Tun eine Bedeutung hat. So traut es sich zu, neue Erfahrungen zu machen, und wächst daran.

2. Zeit geben
«Auch», «Leine kann!», «Selber!» Je kindgerechter die Wohnung gestaltet ist, umso mehr Möglichkeiten hat ein Kleinkind, selbstständig zu sein – seine Jacke selbst am Garderobenhaken aufzuhängen, Kleidung aus dem Kleiderschrank herauszusuchen, sich die Hände allein zu waschen. Eltern sollten ihrem Kind viel Zeit geben, herauszufinden, was es kann. Und wenn sich das Kind doch überschätzt hat? Dann braucht es Verständnis für seine Wut und Enttäuschung.

3. Gemeinsam spielen
Eltern können die Selbstwahrnehmung ihres Kindes mit fröhlichen gemeinsamen Aktionen wie Fingerspielen, Tanzen, Singen, Malen mit Fingerfarben, Klettern, Balancieren und Schaukeln unterstützen. Die meisten Kinder um den zweiten Geburtstag herum lieben es ganz besonders, Verstecken zu spielen. Denn gerade bei diesem Spiel nehmen sie deutlich ihren Körper und auch die eigenen Gefühle wahr: Angst, Spannung und Freude am Entdeckt-werden.

4. Spiegel sein
Eltern können widerspiegeln, was sie beim Kind sehen. «Da hast du den Ball. Jetzt freust du dich!». - «Du bist ganz schön wütend, weil du jetzt dein Spiel unterbrechen musst.» - «Du hast lange an dem Bild gemalt. Das hat dir Spass gemacht, stimmt das?» Das hilft dem Kind, zu lernen, sich selbst zu reflektieren.


Meins – oder Deins?

Soll das Kind lernen, freigiebig zu sein? Oder sollte es lernen, anderen Grenzen zu setzen und selbst zu bestimmen, was es bereit ist zu geben – und was nicht? Das sind Fragen, die Eltern besonders beschäftigen, wenn das eigene Kind «Meins!» zu schreien beginnt, sobald ein anderes Kind nach seinem Spielzeug greift.

Eltern sollten überlegen, wie grosszügig sie selbst sein wollen und ihrem Kind genau diesen Wert vorleben. Denn Eltern sind Leuchttürme, an denen sich Kinder orientieren. Dieses Bild hat der dänische Familientherapeut Jesper Juul massgeblich geprägt. Eine Allgemeinformel könnte sein: Lieblingsspielzeuge und wichtige Kuscheltiere darf ein Kind jederzeit für sich beanspruchen. Andere muss es auch mal abgeben können.

Die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben

«Ich», «Meins!», «Auch», «Leine kann!», «Selber!» – all das sind Worte, die zeigen: Das Kind nimmt sich wahr. Es traut sich schon was zu. Über diese Worte dürfen sich Eltern also freuen. Je positiver ein Kind sich selbst erlebt, desto mehr Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit entwickelt es. Sich selbst, also eigene Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, und ein gutes Bauchgefühl zu entwickeln, sind Grundlagen für ein selbstbestimmtes und glückliches Leben.

Foto: Getty Images

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