Kindererziehung

Geschwister: Eine ganz besondere Beziehung

Geschwister spielen im Leben eine besondere Rolle. Wie prägend ihre Beziehungen zueinander sind, erklärt der Psychologe Prof. Jürg Frick.

Zur Person

Prof. Jürg Frick arbeitet als Dozent an verschiedenen pädagogischen Hochschulen und hat eine eigene Beratungspraxis. Seine Forschungen zum Thema Geschwisterbeziehungen hat er in dem Buch «Ich mag dich – du nervst mich: Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben» (Hogrefe) zusammengefasst. 

Jürg Frick
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Prof. Jürg Frick

Dozent an verschiedenen pädagogischen Hochschulen und Gründer einer eigenen Beratungspraxis.

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Es gibt keinen idealen Altersunterschied zwischen Geschwistern.
  • Geschwisterbeziehungen wirken in das Erwachsenenleben hinein. Sie beeinflussen alle privaten und beruflichen Kontakte.
  • Eltern neigen oft unbewusst dazu, ein Kind zu benachteiligen.
  • Eltern sollten Kinder nicht auf bestimmte Rollen festlegen, sondern jedem Kind das geben, was es braucht.

Herr Professor Frick, brauchen Kinder Geschwister?

Kinder brauchen nicht unbedingt Geschwister. Was sie brauchen, um sich gut zu entwickeln, sind gute Bedingungen. Anders ausgedrückt: Einzelkind zu sein, macht keine Probleme. Aber ein Einzelkind zu sein, auf das sich zu hohe und zu viele Erwartungen der Eltern fokussieren, kann erdrückend werden.

Wie wichtig sind vorhandene Geschwister? 

Das ist unterschiedlich. Bei einem grossen Altersabstand können Geschwister füreinander weniger wichtig sein. Ist der Altersabstand dagegen geringer und haben die Geschwister viel miteinander zu tun, vergleichen sie sich miteinander oder sie eifern einander nach. Dann bedeuten sie einander wahrscheinlich mehr. 

Ist ein geringer Altersunterschied also besser?

Das lässt sich so nicht sagen. Kinder, die in einem ähnlichen Alter sind, teilen viele Interessen. Andererseits gibt es auch mehr Reibereien und Eifersüchteleien. Jeder Altersunterschied hat seine Vor- und Nachteile.

Legen die Geschwisterpositionen, also ob ein Kind das Erstgeborene, das Sandwichkind oder das Küken der Familie ist, bestimmte Charaktermerkmale fest?

Früher hat man das so gesehen. Heute ist man etwas vorsichtiger. Trotzdem gibt es eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit, dass das älteste Kind verantwortungsvoller wird als die anderen. Denn das ist das, was die Eltern von ihm erwarten. Dem jüngeren Kind wird womöglich im selben Alter weniger Verantwortung übertragen. Die Frage aber ist, was diese Erwartungen und Rollenfestlegungen mit dem jeweiligen Kind machen. Findet es sie toll oder leidet es darunter? Akzeptieren es sie oder lehnt es sich auf?

Jedes Kind reagiert also individuell?

Ja, jedes Kind entwickelt seine eigene Sicht auf seine Erfahrungen, die immer klarer und einseitiger wird, je mehr sich seine Rolle verfestigt. So mag sich ein jüngeres Geschwister stets beschweren, benachteiligt worden zu sein, das andere aber sagt: «Der Jüngste zu sein, war das Beste, was mir passieren konnte.» 

Worin liegt der Unterschied zwischen Geschwisterbeziehungen und der Eltern-Kind-Beziehung?

Kinder spielen, reden, streiten, verhandeln und versöhnen sich mit Geschwistern anders als mit Vater oder Mutter. Geschwisterbeziehungen sind ja eher horizontal, im Gegensatz zur vertikalen Beziehung zu den Eltern. Gegenüber Geschwistern traut man sich häufig auch mehr, ist zum Beispiel direkter und frecher. 

Gibt es gute und schlechte Beziehungsmuster?

Ja, denn Geschwisterbeziehungen können entwicklungsfördernd oder -hemmend sein. Bestärkende, unterstützende, freundschaftliche Beziehungen sind tendenziell entwicklungsfördernd. Streit, Entwertung und Distanzierung wirken sich in der Regel dagegen entwicklungshemmend aus – und das gilt für beide Seiten.

Wechseln Beziehungsmuster zwischen Geschwistern während der Kindheit?

Nein, in der Regel verfestigen sich Beziehungsmuster – mit allen Vor- und Nachteilen. Das ältere Kind ist zum Beispiel der Ansager, der das jüngere Kind anleitet. Das Beziehungsmuster kann sich allerdings ändern, wenn das jüngere Kind an Stärke gewinnt, weil es zum Beispiel in der Schule sehr gute Leistungen zeigt, oder wenn das ältere Kind zum Beispiel durch eine Krankheit geschwächt wird. 

Wie prägend sind Geschwisterbeziehungen? 

Jeder weiss, dass das Beziehungsmuster, das man zu den Eltern hatte, prägend ist. So mag man vielleicht erkennen, dass man dem Chef gegenüber ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt wie früher beim Vater. Doch auch die Geschwisterbeziehungen wirken in das Erwachsenenleben hinein. So beeinflussen sie alle privaten und beruflichen Kontakte.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich denke an den Partner, der immer wieder Ideen seiner Frau barsch zurückweist. Er ist in der Falle eines alten geschwisterlichen Beziehungsmusters gefangen. In diesem Fall muss er immer in der Position des Überlegenen bleiben – so wie früher in der Kindheit der Schwester gegenüber. Er war der Bevorzugte, der Besserwisser. 

Geschwister streiten dauernd …

Ja, sie setzen sich auseinander. Sie messen sich, versuchen, sich durchzusetzen. Das dürfen sie. Problematisch wird die Situation erst dann, wenn Eltern – bewusst oder unbewusst – den Streit anheizen. Das geschieht, wenn sie einem Kind die Schuld geben, dem anderen nicht. «Das darfst du nicht», «Du hast Recht», hört sich das dann an. Doch an einem Streit sind immer mehrere beteiligt. Wichtiger als die Schuldfrage ist, den Streit zu klären.

Neigen Eltern dazu, ein bestimmtes Kind zu bevorzugen?

Ja, Studien zeigen, dass Eltern ihre Kinder oft nicht gleichwertig behandeln. Bis 70 Prozent der Eltern bevorzugen ein Kind. Benachteiligungen und Bevorzugungen entstehen meist ganz unbewusst. So können Verhaltensweisen eines Kindes immer wieder in ihnen eine bestimmte Erinnerung auslösen. Zum Beispiel an den eigenen Bruder, der einen schon als Kind immer so wütend gemacht hat! Die individuelle Problematik des eigenen Kindes wird dann nicht erkannt. 

Was können Eltern tun, um ein gutes Verhältnis zwischen Geschwistern zu fördern? 

Es bringt Eltern weiter, sich selbstkritisch zu fragen, ob sie eine unbewusste Präferenz für ein Kind haben. Kinder nicht zu bevorzugen oder zu benachteiligen bedeutet aber nicht, sie gleich zu behandeln. Das kann nicht gelingen. Jedes Kind braucht etwas anderes. Deshalb ist es auch ungünstig, Kinder ständig miteinander zu vergleichen oder sie auf bestimmte Stärken oder Rollen festzulegen. Besser ist, sie grundsätzlich mit allen Stärken und Schwächen zu akzeptieren.

Ein gutes Verhältnis zwischen Geschwistern ist also wichtig …

Geschwister bleiben sich lebenslänglich erhalten. Selbst wenn der Kontakt abbricht, bilden Herkunft und Entwicklungsgeschichte ein unauflösbares Band. Das ist häufig auch eine enorme Chance, besonders im späteren Erwachsenenalter, wo man sich auch wieder näherkommen kann. 

Foto: Getty Images

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