Kindererziehung

Warum die ersten drei Jahre schnell in Vergessenheit geraten

Was vor dem dritten Geburtstag erlebt wurde, gerät schon früh in Vergessenheit. Gemeinsame Erlebnisse mit dem Baby und Kleinkind behalten dennoch einen hohen Wert. Warum, erklärt der Entwicklungspsychologe Moritz Daum im Interview.

Zur Person:

Prof. Moritz Daum leitet die Fachrichtung ‚Entwicklungspsychologie: Säuglings- und Kindesalter‘ an der Universität Zürich. Der 46jährige ist Vater von drei Kindern im Alter von zehn, dreizehn und fünfzehn Jahren.

Moritz Daum
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Prof. Moritz Daum

leitet die Fachrichtung Entwicklungspsychologie: Säuglings- und Kindesalter an der Universität Zürich.

Nützliche Informationen

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leitet die Fachrichtung Entwicklungspsychologie: Säuglings- und Kindesalter an der Universität Zürich.

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Erwachsene können sich kaum an Ereignisse erinnern, die sich vor dem dritten Geburtstag abgespielt haben.
  • Wenn ein Kind etwa drei Jahre alt ist, werden Erinnerungen vermehrt sprachlich abgespeichert. Damit ändert sich das Format der Erinnerungen und es wird schwieriger, frühere Erinnerungen abzurufen.
  • Frühere Erlebnisse werden dadurch nicht wertlos. Denn es sind gerade die Erfahrungen der ersten Lebensjahre, die den Menschen massgeblich prägen. 

Herr Prof. Daum, wenn Kinder zweieinhalb Jahre alt sind, haben sie mit ihren Eltern schon viel erlebt. Da war der erste grössere Kindergeburtstag, vielleicht ein Zoobesuch oder ein Urlaub, auch die Eingewöhnung in die Kita. Wird sich das Kind als Erwachsener an all das gar nicht mehr erinnern können?

Prof. Moritz Daum: Richtig. Experten sprechen von der «Infantilen Amnesie». Sie beschreibt das Phänomen, dass man sich nicht an Ereignisse erinnern kann, die sich vor dem dritten Geburtstag abgespielt haben.

Viele Jugendliche und Erwachsene erzählen aber immer mal wieder von Erlebnissen aus ihrer sehr frühen Kindheit …

In solchen Fällen gaukelt das Gehirn Erinnerungen meist nur vor. Sie basieren oft nicht auf eigenen Erinnerungen, sondern auf Erzählungen und Fotos. Übrigens, Erinnerungen sind nie ein objektives Abbild der Realität. Unsere Erinnerung ist eine Illusion. Denn das menschliche Gehirn fokussiert, fügt hinzu und blendet aus.

Warum gibt es keine Erinnerungen an die ersten Lebensjahre?

Die Hirnstrukturen, die für das Erinnern notwendig sind, sind bei Geburt noch nicht vollständig entwickelt. Erst nach und nach speichern kleine Kinder Erfahrungen als Handlungen oder Empfindungen ab. Mit beginnender Sprachentwicklung ändert sich aber das Speicherformat. Alles, was vier Räder hat und rollt, wird nun zum Beispiel unter dem Begriff «Auto» abgelegt, eine Kategorie, die vorher noch nicht existiert hat. 

Wann beginnt das Vergessen?

Der Altersbereich um das siebte Lebensjahr scheint eine kritische Grenze darzustellen. Kinder unter sieben Jahren erinnern sich noch sehr viel besser an Ereignisse im Alter von drei Jahren als Kinder, die älter als sieben Jahre sind. Generell kann man folgendes sagen: Je grösser der zeitliche Abstand und je grösser die Unterschiede in der kognitiven und neuronalen Verarbeitung zu dem Moment der Erinnerung, desto schwerer wird der Zugriff auf sie. Denn das Gehirn reift kontinuierlich. Es vernetzt die Gehirnzellen immer besser und arbeitet immer effizienter. Ausserdem verändern sich die Strategien der Informationsverarbeitung. Stark vereinfacht könnte man sagen, sowohl Hardware als auch Software entwickeln sich weiter. Was früh erlebt wurde, wurde also nicht so genau abgespeichert. Deshalb ist die Erinnerung daran weniger scharf.

Wo bleiben die Erinnerungen? 

Erinnerungen bleiben im Gehirn, ohne abrufbar zu sein. Es ist, als lägen sie in einer Schublade des Gehirns. Und entweder ist der Schubladenschlüssel nicht mehr brauchbar, oder sie sind in einer «Sprache» verfasst, die man nicht mehr verstehen bzw. in einer Schrift geschrieben, die man nicht mehr lesen kann. Es gibt also keinen Zugang mehr. 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Man kann sich das wie ein Bild vorstellen, auf dem eine Figur versteckt ist – wie zum Beispiel hier. Man spricht von sogenannten Hidden Figures. Wenn man nicht weiss, was in dem Bild zu sehen sein soll, ist oft nur ein schwarzweisses Muster erkennbar, sonst nichts. Sobald der Betrachter darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Tier versteckt ist, kann er es erkennen. Von da an ist es ihm kaum mehr möglich, dieses Tier nicht mehr zu sehen. Nun, wo der Betrachter den Schlüssel für die Wahrnehmung des Tieres hat, ist es unmöglich, diesen Schlüssel nicht zu benutzen und sich auf den vorherigen naiven Wissenstand zurückzubewegen.

Ist das Erlebte dadurch wertlos?

Nein, auf keinen Fall! Die ersten Lebensmonate und Lebensjahre prägen das Kind. Es baut wichtige Bindungen zu seinen Bezugspersonen auf. Die Beziehungen zu den Eltern und Geschwistern etablieren sich als Arbeitsmodelle. Das heisst: Die Erfahrungen, die das Kind wieder und wieder mit seinen Bezugspersonen macht, überträgt es später auf andere Menschen. Die Erfahrung formt also die Erwartung. Und viele Erlebnisse werden ja wiederholt erlebt und entsprechend immer wieder neu und mit der «aktuellen Software» des Gehirns abgespeichert. Sie blieben so sehr viel länger verfügbar.

Wenn der Bruder immer wieder das Spielzeug wegnimmt, könnte das Kind misstrauisch im Umgang mit anderen Kindern werden?

Ja, aber wenn es mit anderen Kindern später wiederholt andere – bessere – Erfahrung macht, kann sich das Arbeitsmodell wieder ändern.

Woran wird sich das Kind später am ehesten erinnern?

Je vielfältiger eine Situation ist, umso eher bleibt sie im Gedächtnis abrufbar. Am besten können wir uns an Erlebnisse erinnern, mit der verschiedene Sinneseindrücke verbunden sind und die starke Gefühle hervorgerufen haben – sowohl negative als auch positive. Wenn ein Ereignis mit vielen Informationen gekoppelt ist, hinterlässt es also eine tiefere Erinnerungsspur.

Haben Eltern einen Einfluss darauf, wie gut sich das Kind einmal an seine schöne Kindheit erinnern wird?

Ja, durchaus, wenn sie ihre vertrauensvolle und liebevolle Beziehung zum Kind pflegen, indem sie in der Regel prompt und adäquat auf Bedürfnisse des Kindes reagieren. Sie können immer wieder positive gemeinsame Erlebnisse schaffen. Dann lernt das Kind, dass es sich auf seine Eltern verlassen kann. In der Gewissheit, gut aufgehoben zu sein, wird es sich später als seelisch robuster Erwachsener an viele positive Situationen seiner Kindheit, ja sogar an eine insgesamt schöne Kindheit erinnern.

Foto: Getty Images

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