Beziehungspflege

Beziehungspflege: So bleiben Eltern trotz Baby ein Liebespaar

Kaum ist das ersehnte Baby da, leiden viele Paare unter Beziehungsproblemen. Wie Sie diese lösen und die Partnerschaft wieder festigen, erklärt Paarforscher Professor Guy Bodenmann.

Der renommierte Paarforscher Guy Bodenmann ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Für Paare hat er zwei Ratgeber geschrieben: «Bevor der Stress uns scheidet» sowie «Was Paare stark macht».

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Guy Bodenmann

Professor für Klinische Psychologie, Universität Zürich

Nützliche Informationen

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Guy Bodenmann

Professor für Klinische Psychologie, Universität Zürich

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Bei rund einem Drittel aller Paare leidet die Beziehungszufriedenheit nach der Geburt ihres Kindes besonders stark. Diese Unzufriedenheit hält auch nach eineinhalb Jahren noch an.
  • Filme und kurze Workshops können das nötige Wissen vermitteln, das es braucht, um die Beziehung wieder besser zu pflegen.
  • Wichtig ist, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um miteinander zu reden.
  • Dabei sollten bestimmte Kommunikationsregeln eingehalten werden.

Herr Professor Bodenmann, wenn sich bei Paaren ein Kind ankündigt, scheint das Glück perfekt zu sein. Endlich eine kleine fröhliche Familie ...

Leider sieht die Realität nach der Geburt des Kindes oft anders aus. Die Partnerschaft leidet bei den meisten Paaren, die Eltern werden. Ein Drittel erlebt sogar eine dramatische Abnahme der Beziehungszufriedenheit, von der das Paar sich auch nach 18 Monaten nicht erholt hat.

Welche typischen Beziehungsprobleme treten auf, wenn ein Paar ein Kind bekommt?

Im Zuge der Elternschaft kommt es zu häufigeren Auseinandersetzungen und Spannungen. Die gegenseitige Zuneigung und Liebe sinken. Sexuelle Aktivitäten finden seltener statt, sodass auch die sexuelle Zufriedenheit abnimmt. All das führt dazu, dass sich die Partner weniger als früher unterstützen.

Das klingt ernüchternd. Welche typischen Fehler machen denn frischgebackene Eltern?

Ich würde nicht von Fehlern sprechen. Die meisten Paare haben sich falsche Vorstellungen vom Familienalltag gemacht. Sie haben sich nicht ausreichend auf die Strapazen, Einschränkungen und markanten Veränderungen eingestellt. So werden sie von den neuen Herausforderungen überrumpelt.

Lassen sich diese Schwierigkeiten vermeiden?

Rund 70 Prozent der werdenden Eltern nehmen an Geburtsvorbereitungskursen teil. Diese Kurse gehen allerdings kaum auf die neue Elternrolle und die neue Partnerschaft ein. Hier ist Handlungsbedarf. Paare brauchen auch ein Coaching für die Beziehungspflege.

In welcher Form ist ein solches Coaching sinnvoll?

Informationsfilme und kurze Kurse können Paaren vermitteln, wie sie typische Beziehungskonflikte lösen können. Sowohl bei den Filmen als auch bei den Kursen gilt, dass sie möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen sollten. Denn die Paare haben im Übergang zur Elternschaft und nach der Geburt ihres Kindes nur knappe Zeitressourcen.

Sie selbst haben mit Ihrem Team Paarlife entwickelt, ein Programm zur Pflege der Liebe und Partnerschaft.

Ja, im Paarlife-Workshop geht es an drei Abenden um die Bedeutung der Liebe, um Nähe und Geborgenheit, Engagement in der Beziehung und Sexualität. In den Paarlife-Trainings werden dagegen an einem Wochenende die wichtigsten partnerschaftlichen Kompetenzen wie Kommunikation, Problemlösung und Stressbewältigung eingeübt. Zusätzlich zu diesen Standardangeboten haben wir Paarlife für werdende Eltern entwickelt, als eintägigen Kurs vor der Geburt mit anschliessenden Kurztrainings zuhause nach der Geburt. Den Paaren wird alternativ ein Film zur Vorbereitung auf die Elternschaft angeboten – zurzeit allerdings nur zu Studienzwecken.

Gibt es Ergebnisse, wie effektiv die Angebote sind?

Erste Ergebnisse zeigen, dass Paare von allen Formaten profitieren. Im Übergang zur Elternschaft sogar stärker vom Film, da dieses Format zu diesem Zeitpunkt am wenigsten zusätzliche Belastungen mit sich bringt. Die Teilnehmer sind nach dieser Vorbereitung besser für die Elternschaft als Paar gewappnet und können ihre Beziehungszufriedenheit stabilisieren. Sie berichten auch bezüglich ihrer Kommunikations-Kompetenzen von positiven Effekten.

Kommunikation ist wichtig – aber Probleme können auch zerredet werden, oder?

Ja, zerreden heisst jedoch meist, dass die Partner stundenlang um den heissen Brei herumreden. Dann teilen sie sich nicht wirklich mit, worum es ihnen geht, was sie im Innersten belastet und was sie sich wünschen. Wir haben Hunderte von Paaren in Gesprächen gefilmt. Es ist meist dasselbe ernüchternde Bild. Es wird viel geschwatzt, aber wenig Substantielles mitgeteilt. Hier gilt es anzusetzen. Paare müssen lernen, ihre rare Zeit richtig zu nutzen, indem sie sich dann wirklich begegnen, wenn sie sich austauschen.

Wie könnte der Austausch effizienter sein, um Liebe und Nähe in der Beziehung zu erhalten?

Ein Gespräch braucht Zeit. Denn ohne Zeit entsteht keine Tiefe. Dann fühlen sich die Gesprächspartner nicht wertgeschätzt und öffnen sich nicht vor dem anderen. Ausserdem sollten Gesprächsregeln eingehalten werden. Dazu gehört zum Beispiel das Formulieren von sogenannten Ich-Botschaften, mit denen sich Bedürfnisse vorwurfsfrei verständlich machen lassen. Ich-Botschaften wecken die Bereitschaft des Partners, sein Verhalten zu ändern. Wichtig ist auch, so zuzuhören, dass sich der Partner richtig verstanden fühlt.

Was möchten Sie Paaren ans Herz legen, damit die Partnerschaft auf Liebeskurs bleibt?

Kinder zehren so viel Energie und Zeit der Eltern auf, dass für die Partnerschaft oft zu wenige Ressourcen übrigbleiben. Wichtig ist deshalb, dass ein Paar trotzdem seine Beziehung konstant pflegt – zum einen täglich durch gegenseitige Aufmerksamkeit, Interesse füreinander, nette kleine Gesten und Zärtlichkeit, zum anderen immer wieder auch mit grösseren Zeitinseln für Gespräche, Erlebnisse, Intimität. Wie eine zarte Pflanze braucht die Beziehung Liebe, Fürsorge und Pflege, damit sie nicht verkümmert, sondern wächst und blüht.

Wo können Paare, die nicht an Kursen teilnehmen können, Beziehungspflege lernen?

Hier kann ich auf Online-Programme verweisen, wie beispielsweise Paarbalance oder das Paarlife-Online-Programm. Denkbar sind auch Online-Beratungen wie beispielsweise auf paarberatung-mediation.ch. Wenn jedoch bereits eine manifeste Krise vorliegt, sollte eine Paartherapie in Anspruch genommen werden.

Beratungsangebote und Buchtipp:

Foto: Getty Images / zVg Guy Bodenmann

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