Tipps für daheim

Homeoffice wegen Corona: Wie es mit Kindern gelingt

Wie sollen Eltern zu Hause gleichzeitig arbeiten, die Kinder bespassen und dabei nicht die Nerven verlieren? Eine Herausforderung, sagen Expertinnen. Doch mit der nötigen Struktur hält man Ausraster – von beiden Seiten – in Grenzen.

Die Schulen sind zu, stattdessen bleiben die Kinder rund um die Uhr zu Hause und (viele) Eltern im Home-Office – der Alltag von Schweizer Familien steht Kopf. Eine surreale Situation. Von einem Tag auf den anderen ist unsere Welt extrem zusammengeschrumpft, die als selbstverständlich hingenommene Freiheiten eingestampft auf die eigenen vier Wände. «Wie schaffen wir es, in den nächsten Wochen nicht verrückt zu werden, wenn wir die ganze Zeit aufeinander hocken und dabei auch noch arbeiten sollen?», fragen sich Eltern landesweit. Ausprobieren, lautet die Devise, schliesslich kann in diesem Ausnahmezustand niemand auf Erfahrungen zurückgreifen. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Sicher ist nur: morgens den Laptop zu schnappen und dem Kind zuzurufen «Mami und Papi müssen jetzt arbeiten, spiel doch was» funktioniert schlecht.

Tagesstruktur gemeinsam erstellen

Einen detaillierten Plan machen, gemeinsam mit allen Familienmitgliedern, und festhalten: Wer arbeitet wann was, wann gibt es Pausen? Dies möglichst genau aufschreiben und gut sichtbar aufhängen (siehe Tipps unten). «Solch eine Minimalstruktur ist enorm wichtig», sagt Brigitte Wittmer (53), Mütter-und Väter-Coach aus Gerlikon TG. «Gerade in diesen unsicheren Zeiten, in denen heute bereits überholt ist was gestern galt und niemand weiss, wann wieder Normalität herrscht, gibt sie Kindern Halt und Sicherheit.» Deshalb: Gemeinsam eine Tagesstruktur erarbeiten und Regeln vereinbaren. Wann wird ins Bett gegangen, wann aufgestanden, wann ist Zeit für Schularbeiten, ab wann darf TV geschaut werden? Dank Plan muss nicht alles immer neu ausdiskutiert werden; sind die Kinder ausserdem an den Regeln beteiligt, motiviert es selbst die Kleinsten, diese einzuhalten.

Gemeinsame Zeit

Ebenso wichtig wie Phasen der Arbeit und des Lernens ist aber auch gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern. «Ist diese in der Tagesstruktur fest verankert, beschäftigen sich Kinder anschliessend viel besser wieder alleine», so Barbara Bucher Senn (56), Lehrerin und Familienberaterin mit eigener Praxis in Wettingen AG. Sie rät Eltern, sich bewusst Zeit zu nehmen und kreativ zu werden – etwa aus Schachteln ein Auto zu konstruieren oder einen Wettbewerb ins Leben zu rufen: Wer kann aus drei bis vier Sachen einen Gegenstand herstellen? «Meist braucht es nicht viel Anregung – den Rest übernimmt die Fantasie der Kinder.»

Ideen für zu Hause

Aufgaben, die den Nachwuchs ebenfalls beschäftigen: Regelmässig Briefe schreiben oder Bilder malen für die Grosseltern, die nun ja nicht mehr besucht werden dürfen. Gemeinsam zu Hause zu sein, kann ausserdem bedeuten: Sachen machen, zu denen man sonst nie kommt. Ausmisten, aufräumen, das Kinderzimmer umräumen – stehen Bett oder Pult in einer anderen Ecke fühlt sich alles wie neu an und Kinder halten sich wieder viel lieber darin auf. Und fällt die Reise nach Italien in den Osterferien ins Wasser, findet das Abenteuer eben in der eigenen Wohnung statt: In der Räuberhöhle unterm Tisch oder im Zelt, das kurzerhand in der Stube aufgeschlagen wird.

Nachwuchs einspannen

Zwingt das Virus allerdings die ganze Familie rund um die Uhr zu Hause zu sein, entsteht auch mehr Dreck und Aufwand für die Eltern. Warum also nicht den Nachwuchs einspannen – jetzt, da keine Termine anstehen und alle Nachmittagsaktivitäten gestrichen sind? Die 8-Jährige ihr Zimmer saugen lassen, den 12-Jährigen mit Mittagessen kochen betrauen oder einen Kuchen backen lassen; und die Kleinsten können beim Nachtessen richten helfen. «Schliesslich müssen in dieser Situation alle zusammenhalten», findet Barbara Bucher Senn. «Familien können sich dabei von ganz neuen Seiten kennen lernen.» Doch was in der einen Sekunde vielleicht noch als spassige Abwechslung im Familienalltag erscheint, schlägt in der nächsten womöglich in Frust um. Denn die aussergewöhnliche Situation, in der wir uns befinden, ist vor allem eine riesige Umstellung: Für Kinder, die sich nicht mehr mit ihren Freunden treffen dürfen oder ins Fussballtraining gehen können. Für Eltern, die Existenzängste plagen, weil Aufträge wegbrechen oder Unternehmen Kurzarbeit anmelden.

Wie mit Frust und Sorgen umgehen

Was also tun, wenn die Stimmung zu Hause eskaliert? «Ist das Kind sauer, sollten Eltern es vor allem nicht persönlich nehmen und sich lieber klarmachen: Es will nur Dampf ablassen», sagt Barbara Bucher Senn. Und auch Eltern dürfen ihren Frust raus lassen. «Sich mit Freunden regelmässig zum Telefonieren verabreden, um Freude und auch Sorgen mitzuteilen», rät Brigitte Wittmer, «das hilft mir momentan am meisten». Aber auch mit dem Nachwuchs reden, «Kinder können so viel Trost geben, sie sind unsere wichtigste Tankstelle.» «Und Lachen», ergänzt Bucher Senn. «Darin sind Kinder uns voraus. Sie tun dies auch viel öfter als Erwachsene. Also schätzen wir diese Gabe, lachen und balgen mit ihnen.»

Medienkonsum kontrollieren

Den Medienkonsum wiederum würde Brigitte Wittmer jetzt lieber noch nicht hochfahren. «Später vielleicht schon, wer weiss, was alles noch kommt», sagt die Mutter von 14- und 17-jährigen Teenagern. «Momentan aber finde ich es am wichtigsten, möglichst viel in die Natur zu gehen – so lange es noch möglich ist.»

Nützliche Informationen

Text: Kristina Reiss

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Text: Kristina Reiss

Praktische Tipps für Eltern: Home-Office mit Kindern

Tipp 1: Gemeinsam Corona-Tagesplan aufstellen

8:30 Uhr Morgenessen, 9-10 Uhr Mama und Papa machen Home-Office, das Primarschulkind übt Mathe, das Kindergartenkind wird mit Bastelaufgaben versorgt (bei Zeitslots darauf achten, dass sich jüngere Kinder nicht so lange konzentrieren können).

Tipp 2: Pausen einplanen

Weil Kinder viel Bewegung brauchen, einmal pro Stunde eine Tanzrunde einlegen (Playlist darf der Nachwuchs erstellen) oder Twister spielen. Das Ganze mit einem akustischen Signal ankündigen (liegt im Keller nicht noch die alte Kuhglocke?).

Tipp 3: Arbeitsmodi aushandeln

Welches Elternteil ist in den Arbeitsslots Ansprechperson für dringende Fragen («Ich verstehe Mathe nicht», «Die Bügelperlen sind alle», «Darf ich jetzt das Tablet?»).

Tipp 4: Randzeiten nutzen

6-9 Uhr eignet sich optimal zum Arbeiten. Zudem ist der Server noch stabil, bevor die Arbeitskollegen wach werden, sich ebenfalls einwählen und alles zusammenbricht.

Tipp 5: Familienziel beschliessen

Wenn alles vorbei ist – was machen wir dann? Fein essen gehen, zusammen ins Spassbad oder in den Europapark fahren? Darauf lässt sich hinleben und festhalten – gerade in Momenten, in denen der Lagerkoller droht.

Tipp 6: Homeschooling via Multimedia

  • «Schlaumeier» ist eine brandneue, interaktive Online-Plattform aus der Schweiz. Täglich geht jeweils ein Erwachsener online und bringt via Live Video Kindern etwas bei.
  • SRF myschool sendet seit letzter Woche die doppelte Ladung Lernvideos, Mo-Fr, 9-11 Uhr auf SRF 1
  • Anton, kostenlose interaktive Lern-App von der Primar- bis zur Mittelstufe, in den Fächern Deutsch, Mathe, Sachunterricht und Musik (aufgrund grosser Nachfrage z.Z. manchmal überlastet).

Foto: Getty Images

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